
Täglich geben Finanzanalytiker ihre Einschätzungen zu den Kapitalmärkten ab. Wie stark sie danebenliegen können, macht der Richemont-Konzern nun klar.
«That is your work», schrie der Verwaltungsratspräsident von Richemont, Johann Rupert, die Finanzanalysten unlängst förmlich an.
Sie hatten sich bei dem südafrikanischen Topmanager nach seiner Einschätzung über die Geschäftsentwicklung in China und den USA erkundigt.
Kreativität gefordert
Doch Rupert entgegnete den Finanzanalytikern nach seinem Wutanfall, sie sollten sich beispielsweise vor die Landengeschäfte setzen und Kunden beobachten oder mit Drohnen die Parkplätze observieren, um die Umsatzentwicklung des Luxusgüterkonzerns der Marken, wie Cartier, Van Cleef & Arpels, IWC, Jeager LeCoultre, Montblanc oder A. Lange & Söhne, abschätzen zu können.
Die Finanzanalysten sollten einfach kreativ sein in ihrer Arbeit, mahnte er. Andernfalls brauche es sie nicht mehr, erklärte Richemont-Chairman Rupert zur Situation.
Doch das Resultat war dann allerdings ernüchternd.
Experten lagen voll daneben
Die Finanzspezialisten prognostizierten einen Umsatzanstieg von 11,5 Prozent in konstanten Lokalwährungen für die Monate März bis Juni.
Diese Woche gab Richemont allerdings bekannt, es sei fast doppelt so viel gewesen, nämlich über 20 Prozent.
Selbst das strauchelnde Uhrensegment hatte sich bis auf Festlandchina besser entwickelt, als von der Finanzwelt erwartet worden war.
Mit anderen Worten: Die Spezialisten lagen voll daneben.
Aktienkurs schoss in die Höhe
Finanzanalysen gelten aber oft als Grundlage von Anlageentscheiden. Die Praxis zeigt dann immer wieder, dass Prognosen, Kursziele und Bewertungen nicht selten falsch sind.
Zahlreiche Annahmen werden zudem von den beurteilten Unternehmen so beeinflusst, dass sie die Vorhersagen von Analytikern übertreffen können.
Bei Richemont zeigten sich die Auswirkungen der Fehlprognosen diese Woche an der Börsenreaktion entsprechend.
Die Aktien des Schmuck- und Luxusgüterkonzerns schossen gleich nach Bekanntgabe der Quartalszahlen um rund 10 Prozent auf ein neues Allzeithoch von fast 200 Franken je Titel in die Höhe.
Künftigen Arbeitgeber heraufgestuft
Selbst Interessenkonflikte spielen bei Finanzanalysen manchmal eine Rolle. Die Experten arbeiten oft für Banken und Finanzhäuser, die selbst Wirtschaftsziele verfolgen und die Unabhängigkeit der Empfehlungen beeinträchtigen können.
Auch private Interessen können bei den Einschätzungen durchaus Einfluss ausüben, wie unlängst der Jobwechsel eines Versicherungsanalysten von Kepler Cheuvreux zur Helvetia-Gruppe in Finanzkreisen für Gesprächsstoff sorgte.
Der Analyst hatte seinen neuen Arbeitgeber kurz vor dem Stellenwechsel heraufgestuft. Konkurrenten Baloise schätzte er allerdings fast im gleichen Atemzug schlechter ein, und hatte die damalige Baloise-Gruppe herabgestuft.
Probleme bei CS verkannt
Das Unvermögen von Finanzanalytikern zeigte sich auch schon beim Untergang der Credit Suisse (CS).
Das letzte Management der Krisenbank hatte die Firmenstrategie bezüglich Investmentbank geändert, woraufhin in den USA umgehend Milliardenabschreibungen vorgenommen werden mussten.
Doch kein Finanzexperte hatte dies bei der CS kommen sehen. Doch genau dies hatte den Untergang der Schweizer Grossbank ausgelöst, wie muula.ch berichtete.
Automatische Bewertungen mit KI
Mit dem Einzug der Künstlichen Intelligenz KI in die Finanzwelt dürften Analysen aber ohnehin anders werden.
Eigentlich braucht dann wahrscheinlich gar keine Finanzanalytiker mehr, die Excel-Sheets füllen und Einschätzungen abgeben, weil Maschinen solche Bewertungen automatisch vornehmen können.
Und liegen die Werte um Cartier, Van Cleef & Arpels, IWC, Piaget, Jaeger LeCoultre & Co. dann weit von der Realität entfernt, könnte Richemont-Verwaltungsratspräsident Rupert immerhin noch die Softwareentwickler zurechtweisen.
19.07.2026/ena./kut.



