Gewerbeverband lässt designierten Direktor fallen

Henrique Schneider
Der Gewerbeverband will Henrique Schneider nicht zu seinem Direktor machen. (Bild: PD Weko)

Die Vorwürfe an den designierten Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes Henrique Schneider waren happig. Der sgv lässt ihn nach einem Rechtsgutachten fast komplett hängen.

Der Vorstand des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv hat an seiner Sitzung vom 9. Juni 2023 entschieden, die Wahl von Henrique Schneider zum Direktor zu widerrufen.

Diese Schockbotschaft teilte der Verband am Freitagabend überraschend mit.

Entscheid von oben

Da der Fall einer Abberufung in den Statuten nicht geregelt sei und aufgrund der hohen zeitlichen Dringlichkeit habe der Vorstand in dieser Frage entschieden und die Gewerbekammer anschliessend informiert, hiess es weiter.

In diversen Medienberichten waren Plagiatsvorwürfe gegen Schneider vorgebracht worden. Der sgv liess diese Vorwürfe in der Folge durch Professorin Isabelle Häner von der renommierten Anwaltskanzlei Bratschi abklären.

Glaubwürdigkeit wichtig

Das Rechtsgutachten bestätigte laut dem Communiqué ein «serienmässiges Plagi­ieren».

Für den Gewerbeverband sei die Glaub­würdigkeit aber das höchste Gut und daher habe sich der Vorstand nach eingehender Diskussion für diesen Schritt ent­schie­den, erklärte sgv-Präsident Fabio Regazzi.

Anhören des Betroffenen

Die Anwaltskanzlei Bratschi habe die 65 angeblichen Textplagiate, den akademischen Werdegang, das unternehmerische Engagement und die wissenschaftliche Tätigkeit von Schneider unter die Lupe genommen.

Zudem habe der Betroffene die Gelegenheit gehabt, Stellung zu beziehen.

Was Schneider zu seiner Verteidigung gesagt hat, teilte der Verband allerdings nicht mit.

Wenig gravierend

Letztlich klingen die Schlussfolgerungen der Gutachterin aber gar nicht so dramatisch:

«Nach Prüfung der 65 Textstellen ist festzuhalten, dass HS zwar ein u.U. wenig gravierender, aber dennoch bezüglich jeder einzelnen Textstelle der Vorwurf des Plagiats gemacht werden muss», zitierte der Verband aus dem Gutachten.

Und im Fall des anlässlich seiner Bewerbung als Direktor des sgv eingereichten Lebenslaufs lautete das Fazit des Gutachtens:

«Die aufgeführten Angaben sind schlüssig und nachvollziehbar. Eigentliche Falschangaben konnten keine eruiert werden. Auch von einer eigentlichen Schönung des Lebenslaufs kann nicht die Rede sein, zumal HS etwa sein Doktorat nicht einmal aufführt.»

Verband ist keine Universität

In einer arbeitsrechtlichen Beurteilung stufte die Anwaltskanzlei Bratschi das serienmässige Plagiieren allerdings als Fehlverhalten und als Treuepflichtverletzung ein.

Diese sei aber nicht gravierend, so die Erklärung, da es sich bei dem Verband nicht um einen wissenschaftlichen Tendenzbetrieb handle.

Schneider bleibe bis auf Weiteres stellvertretender Direktor. Am Arbeitsvertrag hält die Organisation also fest.

Es scheint ein Kompromiss zu sein, weil der Betroffene schon Jahre beim Gewerbeverband schafft, und die «Unsauberkeiten» offenbar bisher niemanden aufgefallen sind.

Ob der Entscheid auch Auswirkungen auf andere Mandate von Schneider, wie den Einsitz in die Wettbewerbskommission Weko, hat, bleibt abzuwarten.

Wortkarger Präsident

Der Vorstand des sgv werde nunmehr ohnehin erst einmal über das weitere Vorgehen beraten und die Nachfolgesuche für den per 1. Juli 2023 altershalber zurücktretenden Direktor Hans-Ulrich Bigler in Angriff nehmen, teilte der Verband zudem mit.

Die Gewerbekammer des sgv hatte Schneider an ihrer Versammlung vom 8. Februar 2023 zum neuen Direktor gewählt, wie muula.ch berichtete. Die Wahl war aufgrund seines Leistungsausweises vielerorts für gut befunden worden.

Der Verband scheint sich selbst in eine missliche Lage gebracht zu haben.

Verbandspräsident Regazzi steht laut dem Communiqué am heutigen Freitag zwischen 15 und 17 Uhr für Fragen zur Verfügung.

Die Meldung schlug aber erst nach diesem Zeitfenster bei der Presse auf.

Kritischen Nachfragen wollte der Verband wohl lieber aus dem Weg gehen.

09.06.2023/kut.

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