Schweiz verkommt zum Irrenhaus

Ein Mann auf einer Couch bei einer ärztlichen Beratung
Schweizer lassen sich gerne ohne Ärzte in ihre Seele schauen. (Symbolbild: ai / pixabay)

Neuregelungen bei psychologischer Psychotherapie lassen die Kosten der Grundversicherung steigen. Der Nutzen ist aber ohne Übertreibung zweifelhaft.

Der Bundesrat hat einen fatalen Entscheid zulasten des allgemeinen Gesundheitssystems gefällt.

Psychologische Psychotherapeuten können seit 2022 auf ärztliche Anordnung zulasten der Grundversicherung (OKP) tätig sein, und dies geht ins Geld.

Versorgungsdichte explodiert

Seit 1981 waren ihre Leistungen nur vergütet worden, wenn sie unter ärztlicher Aufsicht und in deren Praxisräumen stattgefunden hatten.

Mit dem Systemwechsel sei die Zahl der zur OKP zugelassenen Psychotherapeuten nun deutlich gestiegen, hiess es diese Woche vom Bundesrat, der ein Monitoring gefordert hatte.

Die OKP-Versorgungsdichte im Bereich der psychologischen Psychotherapie erhöhte sich von 27 Vollzeitäquivalenten (VZA) pro 100.000 Versicherte vor Einführung auf 40 VZA pro 100.000 Versicherte danach.

Sprunghafte Ausweitung

Die Gesamtkosten der ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung haben sich im Zeitraum von 2014 bis 2024 von 1,139 auf 2,035 Milliarden Franken fast verdoppelt, führte der Bericht nun weiter aus. 

Bei allen Leistungserbringern haben die Gesamtkosten absolut zugenommen. Der Anteil der psychologischen Psychotherapie hatte sich zwar bereits unter dem alten Delegationsmodell vergrössert.

Doch mit der Einführung des Anordnungsmodells hätte die Quote aber sprunghaft von 34 Prozent im Jahr 2021 auf 45 Prozent im Jahr 2024 zugenommen.

Rund 16 Prozent teurer

Die Kosten der psychologischen Psychotherapie zulasten der OKP seien von 528 Millionen Franken im Jahr 2021 auf 922 Millionen Franken im Jahr 2024 gestiegen.

Dies entspricht einem Plus um immerhin 75 Prozent beziehungsweise um fast 400 Millionen Franken innerhalb weniger Jahre.

Kostenanstieg bei Psychiatrie
Kosten fast verdoppelt. (Screenshot: muula.ch)

Die Mehrkosten teilen sich laut dem Bundesamt für Gesundheit BAG zu rund einem Drittel auf Tarifeffekte auf, weil das neue Modell teurer ist.

Psychologisch-psychotherapeutische Leistungen seien unter dem neuen Tarif im Landesschnitt rund 16 Prozent teurer als vor dem Systemwechsel.

Hälfte der Mehrkosten unerklärlich

Rund 18 Prozent der Kostensteigerungen gingen auf einen langfristigen Aufwärtstrend und rund 6 Prozent auf das Bevölkerungs- beziehungsweise Versichertenwachstum zurück.

Fast die Hälfte des Kostenanstiegs sei aber auf nicht direkt beobachtete Faktoren zurückzuführen.

Vermutet wird etwa, eine höhere Inanspruchnahme, ein Abbau von Unterversorgung und, dass Betroffene die Leistungen früher selbst bezahlt hätten oder die Zusatzversicherung dafür aufgekommen war.

Nur geringe Verbesserungen

Als muula.ch bereits über die Kostenexplosion berichtete, gingen die Wogen bei den Leistungserbringern hoch, die ihre Geldquelle gefährdet sahen.

Der Nutzen all dieser Modelländerungen ist höchst zweifelhaft.

So verringerten sich weder die stationären Aufenthalte wegen psychiatrischer Gesundheitsprobleme noch die Wartezeiten trotz stark gestiegener Versorgungsdichte, wie aus dem Evaluationsbericht hervorgeht.

Auch Psychopharmaka werden teils nicht deutlich weniger verabreicht.

Weitere Kosten vorprogrammiert

Das Schizophrene an der Sache ist, dass der Bundesrat eigentlich Kosten in der obligatorischen Grundversicherung sparen will und dann selbst für einen gigantischen Kostenschub sorgt.

Hinzu kommt, dass das BAG das Kostenmonitoring sowie die Nutzenanalysen noch ausbauen will.

Eine Datenbank zur Vermittlung freier Beratungskapazitäten wäre da auch noch schön.

Immer mehr Leistungen

Das Schweizer Gesundheitswesen leidet unter einer Kostenexplosion, was die Krankenkassenprämien von Helsana, CSS, Swica, Assura, Sanitas, Visana, Groupe Mutuel, Concordia, ÖKK & Co. immer weiter in die Höhe treibt.

Doch ein Ende ist nicht in Sicht – allein diese Woche bewilligte der Bundesrat eine neue Datenbank zur Überwachung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten, die in den ersten Umsetzungsjahren 45,3 Millionen Franken verschlingt.

Hinzu kamen höhere Vergütungen von ambulant und im Pflegeheim erbrachten Pflegeleistungen zu erhöhen.

All dies passt nicht zum Sparwillen. Es ist förmlich, wie in einem Irrenhaus.

27.06.2026/kut.

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