
Die Schweiz verkommt zu einem Land an Kulturverächtern. Hierzulande gibt es deutlich weniger Macher von Kunst, Literatur, Musik und Theater.
Erschaffen in einem Land immer weniger Menschen die Kunst und Kultur, so hat das schwerwiegende Folgen.
Kulturschaffende, also Autoren, Theatermacher oder Musiker, sind nämlich Kritiker einer Gesellschaft – sie halten Menschen einen Spiegel vor und hinterfragen gesellschaftliche Regeln.
Ableben Schweizer Fabelwesen
Ohne Kulturschaffende gibt es quasi kaum noch jemanden, der unbequeme Fragen stellt.
Doch wenn niemand neue Geschichten um den Tanzelwurm, die Pilatusdrachen, den Vogel Gryff oder die Plagegeister Schrättele schreibt, Lieder wie das Guggisberglied komponiert oder Bilder Schweizer Landschaften malt, trocknet die Identität des Landes aus.
Menschen konsumieren dann nur noch weltweite Massenware, verlernen das Denken und das Einzigartige verschwindet.
Rückläufige Zahlen
Daher sollte ein Land darauf achten, dass es genügend Kulturschaffende gibt, denn die bringen eine Gesellschaft nach vorne. Doch nun gibt es ein Warnsignal für die reiche Schweiz.
Im Jahr 2025 habe sich die Zahl der Kulturschaffenden zum Vorjahr um 4,8 Prozent auf noch 282.000 verringert, teilte das Bundesamt für Statistik BFS am Freitag mit.

Diese Abnahme sei mit jener während der Covid-19-Pandemie in den Jahren 2019 bis 2020 vergleichbar, hiess es weiter.
Im Jahr 2015 gab es immerhin noch 312.000 Kulturschaffende hierzulande. Mittlerweile ist dies binnen kürzester Zeit ein Rückgang von fast 10 Prozent.
Nur 3 Prozent für Kultur übrig
Auch im relativen Vergleich zur Erwerbsbevölkerung verringerte sich der Anteil der Schweizer Kulturschaffenden: Er sank zwischen 2024 und 2025 von 5,8 auf 5,5 Prozent.
In guten Zeiten, wie im Jahr 2015, betrug der Wert 6,5 Prozent.
Und auf die Wohnbevölkerung gerechnet, wären dies gerade einmal 3 Prozent der Einwohner – also nichts als eine kleine Beimischung.
Einbruch im Tessin
Die Zahl der kulturschaffenden Männer verringerte sich 2025 mit -5,4 Prozent stärker als jene der kulturschaffenden Frauen, die um 4,2 Prozent sank.
Ebenso war der Rückgang bei Schweizer Kulturschaffenden mit -5,4 Prozent grösser als bei ausländischen, wo der Rückgang «nur» 2,9 Prozent betrug.

Regional bestanden grosse Unterschiede in den Entwicklungen.
Die Zahl der Personen mit Kulturberuf sank in der Deutschschweiz nur geringfügig, in der Westschweiz etwas stärker und in der italienischsprachigen Schweiz deutlich, so die Statistiker.
Drei Kategorien an Beschäftigten
Die Kulturwirtschaft umfasst Personen mit Kulturberufen innerhalb des Kultursektors, beispielsweise Musiker in einem Orchester, oder ausserhalb dieses Sektors, wie Grafikdesigner in einer Bank.
Hinzu kommen Personen ohne Kulturberuf, die im Kultursektor tätig sind und sich etwa um die Buchhaltung in einem Museum kümmern.
Am stärksten ging die Zahl der Kulturschaffenden in der wichtigsten ersten Kategorie zurück. Das Minus von Musikern, Malern & Co. betrug innerhalb eines Jahres 7,8 Prozent.
An zweiter Stelle folgten die Personen mit einem Kulturberuf ausserhalb des Kultursektors; die Zahl sank um 4,7 Prozent.
Die Beschäftigten im Kultursektor um Buchhaltungen waren am wenigsten betroffen und sanken «nur» um 1,6 Prozent.
Einziger schöpferischer Guss
Wenn es weniger Musiker, Literaten, Künstler gibt, kann ein Land seine Identität verlieren.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche, der mit nur 24 Jahren ohne Promotion und ohne Habilitation eine Professur an der Universität Basel bekam, sagte einst, Kultur sei vor allem Einheit des künstlerischen Stiles in allen Lebensäusserungen eines Volkes.
Kultur ist demnach kein Anhäufen von Wissen, wie dem Bau von Bibliotheken. Kultur sei vielmehr die Fähigkeit eines Volkes, das gesamte Leben aus einem einzigen, schöpferischen Guss zu gestalten. Nur schon dabei muss die reiche Schweiz derzeit aufpassen.
Und wenn es dann noch weniger Störenfriede, wie Kulturschaffende, dabei gibt, ziehen Herdenmentalität und Einheitsbrei ein.
23.05.2026/kut.





