Talentverschwendung als grosse Sünde

Unterschiedliche Pfeile «Right» und «Wrong» auf einem Schild
In welche Richtung sollten Menschen gehen? (Bild: tumisu / pixabay)

Die klügsten Köpfe unserer Zeit schreiben Memos für Konzerne oder suchen Steuerschlupflöcher. Doch ein Historiker findet sinnvollere Aufgaben.

Viele der intelligentesten Köpfe unserer Generation vergeuden ihre Talente.

Sie optimieren häufig nur in Memos die Strategien für Konzerne oder konstruieren Steuerschlupflöcher für Reiche.

Neue Balance finden

Längst ist es ein offenes Geheimnis, dass die Amerikaner der Welt über ihre Beratungshäuser McKinsey, BCG & Co. die besten Leute praktisch nur abwerben, um die Konkurrenz von den USA zu schwächen.

Dabei geraten aber mittlerweile viele Macher unserer Zeit ins Nachdenken, ob ihre Leben wirklich noch einen Unterschied machen.

Der niederländische Historiker und Publizist Rutger Bregman fordert für diese Menschen eine grundlegende Neuausrichtung von Karriere und Erfolg, wie er in seinem Buch «Moralische Ambition» schreibt, das nun im Rowohlt-Verlag als Taschenbuch erschienen ist.

Sternekoch fertigt Spitalessen

Statt den eigenen Ehrgeiz auf Status, Gehalt und Prestige zu richten, sollten ihn die Talente bewusst den grössten Problemen der Menschheit widmen, so die These.

Die entscheidende Frage laute dabei nicht «Was macht mich glücklich?», sondern «Wie kann ich am meisten zu einem besseren Leben der Menschheit beitragen?».

muula.ch berichtete neulich bereits vom Spitzengastronom und Zwei-Michelin-Sterne-Koch Hendrik Otto, der inzwischen lieber Spitalessen herstellt, um Kranken bei einer rascheren Genesung zu helfen.

Die Welt voranbringen

Bregman orientiert sich bei seiner Idee an einem einfachen Raster.

Ein Problem muss gross, lösbar und stark vernachlässigt sein, rät er den Supertalenten als neues Betätigungsfeld.

Nur dort, wo diese drei Bedingungen zusammenträfen, entstehe ein echter Hebel, um die Welt markant voranzubringen und nicht nur im Kleinen zu wirken.

Buch-Cover «Moralische Ambition» von Rutger Bregman im Rowohlt-Verlag

Rutger Bregman: Moralische Ambition. Verlag Rowohlt Taschenbuch, 1. Auflage, Hamburg 2026. 336 Seiten, Fr. 25.90.

Als Linker schweben ihm logischerweise linke Themengebiete, wie die Tabakindustrie oder die Waffenproduktion vor, die jährlich Millionen Menschen auf dem Gewissen haben.

Die industrielle Massentierhaltung ist ihm wegen des Tierleids, der Schadstoffemissionen und des Flächenverbrauchs ebenfalls ein Dorn im Auge.

Linke Anliegen im Fokus

Doch auch die Steuervermeidung der Superreichen und Grosskonzerne, unterstützt von cleveren Wirtschaftsprüfern, spricht er an, durch die Staaten jährlich Milliarden verlieren.

Diese ökonomischen Schwerpunkte, Umverteilung, Regulierung und der Kampf gegen Ungleichheit, gehören klar zu den klassischen Anliegen der Linken.

Darüber hinaus verweist der niederländische Bestsellerautor jedoch auch auf Themen, die noch nicht im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen, wie chronische Bleivergiftungen in Entwicklungsländern, die Prävention künftiger Pandemien, den Schutz der Biodiversität oder die Sicherheit durch Künstliche Intelligenz KI.

Ideologiefrei anwendbar

Interessanterweise lässt sich seine Methode der Priorisierung – gross, lösbar und vernachlässigt – auch auf Probleme anwenden, die in linken Kreisen eher selten im Vordergrund stehen.

Anhaltende Armut und wirtschaftlicher Niedergang in sozialistischen oder vormals sozialistischen Ländern, die Energie- und Wasserknappheit vielerorts beziehungsweise die Unterdrückung von Eigentumsrechten und die daraus folgende Massenarmut wären aber durchaus auch wichtige Kandidaten für eine «moralische Ambition».

Mit Stipendien helfen

Das Buch ist ein gut lesbarer Aufruf, die Vorstellungen von Erfolg und Einfluss in der Welt neu zu bewerten und nicht nur gute Ideen zu haben, sondern sie auch in die Tat umzusetzen.

Das Werk hilft jenen auf die Sprünge, die glauben, dass die Menschen gegen viele Probleme unserer Zeit ohnehin nichts ausrichten können.

Dabei geht es mit Bregman erstaunlich einfach, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Der Autor gründete sogar die Stiftung «School for Moral Ambition», die talentierte Persönlichkeiten mit Stipendien aus klassischen Karrierepfaden herauslösen und in genau jene vernachlässigten Felder der Menschheit umleiten will.

Abkehr westlicher Eliten

Die Botschaft des Buches ist dabei durchaus unbequem: Gute Absichten und moralische Haltung allein ändern wenig.

Wer tatsächlich Wirkung erzielen will, muss dorthin gehen, wo sich noch wenige tummeln, und dort mit der Beharrlichkeit eines Unternehmers und dem Idealismus eines Aktivisten auftreten.

Der moralische Verfall der westlichen Eliten ist dem Autor dabei so ein grosses Anliegen, dass er mit «Die Rückkehr der Hoffnung» soeben gleich noch ein ganz neues Buch im Rowohlt-Verlag diesem Thema gewidmet hat.

Erfolg neu definieren

Der 1988 geborene Bregman zeigt dabei stets gut ausgebildeten Menschen, die spüren, dass ihr Berufsleben an der gesellschaftlichen Realität vorbeigeht, neue Wege.

Dabei könnte sein Prinzip der «moralischen Ambition» durchaus zu einer neuen Definition von Erfolg werden – vorausgesetzt, man wendet die Auswahl der Probleme konsequent und ideologiefrei an.

13.09.2026/kut.

Talentverschwendung als grosse Sünde

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