Schweiz schafft neue Gesprächsgrundlage mit USA

Goldmine
Bei Rohwaren spielt der Goldabbau eine grosse Rolle. (Bild: I. Mihaly / pixabay)

Die USA haben Gespräche mit den Schweizer Rohwarenhändlern aufgenommen. Die Schweiz schafft eine neue Datengrundlage dafür.

Es ist ein langer Streit, der dieses Wirtschaftsthema begleitet. Die Schweizer Rohwarenhändler begleitet ein Mythos von Verschwiegenheit, weil es kaum offizielle Daten über den Sektor beziehungsweise die Branche gibt.

Komplexes Gebilde

Es sei eine Art «Mikrokosmos», schrieb das Bundesamt für Statistik BFS am heutigen Freitag dann auch über den Schweizer Rohstoffhandelssektor.

In der Schweiz existiere weder im Handelsregister noch in der Allgemeinen Systematik der Wirtschaftszweige (Noga) eine spezifische Klassifikation der Tätigkeiten von Unternehmen, die im Rohstoffhandel tätig seien, hiess es weiter.

Auch auf internationaler Ebene gebe es keine Referenz und daher sei es schwierig, formell einen «Sektor» oder eine «Branche» zu definieren. Die Abgrenzung dieser Tätigkeit sei auch deswegen sehr komplex, weil ein bedeutender Teil der von einem Land aus gehandelten Rohstoffen dessen Grenzen nicht überschreite, führten die Statistiker weiter aus.

Wichtige Arbeitsgrundlage

Doch nicht nur die Amerikaner, die derzeit Schweizer Rohwarenhändler in die Mangel nehmen und um Zusatzinformationen in Gesprächen bitten, sind auf Informationen über die Aktivitäten aus. Selbst der Bundesrat wollte mehr über die Rohstoffhändler des Landes wissen.

Er bat mit dem Bericht «Rohstoffsektor Schweiz: Standortbestimmung und Perspektiven» vom 30. November 2018 zumindest Grundangaben zu der Branche.

Aufgrund der mangelnden Informationen zu diesem Thema erteilte der Bundesrat den Auftrag, offizielle Schätzungen zum Rohstoffhandelssektor zu erstellen, um dessen Grösse, Entwicklung und Beitrag zur Gesamtwirtschaft zu bestimmen. Es bedarf auch der Erarbeitung der konzeptuellen Grundlagen für die Messung der Bedeutung des Rohstoffhandelssektors.

Mit dieser Standortbestimmung, die in einer aktualisierten Version am heutigen Freitag bekanntgegeben wurde, schafft die Schweiz eine neue Grundlage, wie sich die Branche seit 2017 verändert hat.

Über zehntausend Beschäftigte

Im Jahr 2021 sei der Rohstoffhandel die Haupttätigkeit von 966 in der Schweiz ansässigen Unternehmen gewesen, teilte das BFS ausserdem mit. Dies sei um 2,3 Prozent höher als im Jahr 2020 und habe seit der ersten Erhebung im Jahr 2017 stetig zugenommen. 

In diesen Unternehmen, die den Kern des Sektors bildeten, seien 10.318 Personen beschäftigt gewesen, hiess es weiter. Damit sei die Beschäftigung nach dem Einbruch von 2020 wieder um 1,4 Prozent gestiegen.

Analyse zum Rohwarensektor der Schweiz

Im Gegensatz zur restlichen Wirtschaft lag sie demnach aber 2021 nach wie vor unter dem Vor-Corona-Niveau von 2019. Dennoch entwickelten sich die Arbeitsplätze im Kern positiv.

Die Beschäftigung im Rohstoffhandel ist gemäss dem BFS seit 2017 im Jahresdurchschnitt doppelt so schnell gewachsen wie in der Gesamtwirtschaft (+1,8 Prozent gegenüber +0,9 Prozent), was die Bedeutung unterstreicht.

Kanton Zürich schrumpft

Zwischen den einzelnen Kantonen hat sich die Beschäftigung jedoch unterschiedlich entwickelt. In Zug wurde zwischen 2017 und 2021 das stärkste Wachstum verzeichnet (+381 Arbeitsplätze), gefolgt von Waadt (+266) und Genf (+125).

Umgekehrt hat die Beschäftigung im Kanton Zürich abgenommen (-170).

Das Tessin erreichte nach einem Aufschwung 2018 und 2019 und einem anschliessenden Rückgang 2020 und 2021 wieder das Beschäftigungsniveau von 2017.

Verschiebungen bei Ausländern

2021 waren zwei Drittel der Rohstoffhändler eigenständige Unternehmen. Sie machten 15,8 Prozent der Beschäftigung aus. Die meisten Arbeitsplätze waren folglich in Unternehmen angesiedelt, die Teil einer Gruppe sind.

Dabei fällt auf, dass Schweizer Multinationale gegenüber den ausländisch kontrollierten Gruppen an Bedeutung gewonnen haben. Zwischen 2017 und 2021 hat die Beschäftigung im Jahresdurchschnitt in Schweizer Multinationalen sechsmal stärker zugenommen (+3,8 Prozent) als in ausländisch kontrollierten Multinationalen (+0,6%).

Die relativ stabile Beschäftigung der ausländisch kontrollierten Rohstoffhändler zeugt von sehr unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Ländern.

So geht die Zahl der Arbeitsplätze bei den Rohstoffhändlern unter amerikanischer (-8,5 Prozent), britischer (-3,3 Prozent) und niederländischer Kontrolle (-3,3 Prozent) tendenziell zurück, während sie bei den luxemburgisch (+38,0 Prozent), französisch (+9,9 Prozent) und italienisch (+9,4 Prozent) kontrollierten Unternehmen zunimmt.

Neun von zehn Arbeitsplätze

Die bedeutendste Tätigkeit der Rohstoffhändler in der Schweiz ist laut dem BFS der Grosshandel mit Brennstoffen

Sie wird von 30,7 Prozent der Unternehmen beziehungsweise 32,4 Prozent der Beschäftigten ausgeübt. Darauf folgt der Grosshandel mit Erzen und Metallen mit 24,5 Prozent der Unternehmen beziehungsweise 29,5 Prozent der Beschäftigten.

Analyse des Schweizer Rohwarensektors

2021 hatten 80 Prozent der Rohstoffhändler ihren Hauptsitz in einem der folgenden fünf Kantone: Genf (33,6 Prozent aller Unternehmen des Kerns), Zug (24,8 Prozent), Tessin (12,1 Prozent), Waadt (8,3 Prozent) und Zürich (4,9 Prozent).

Auf die in diesen Kantonen angesiedelten Unternehmen entfielen nahezu neun von zehn Arbeitsplätzen. 

Banken spielen grosse Rolle

Im Originalbericht des Bundesrates hiess es aber schon:

«Insbesondere die Finanzierung des internationalen Rohstoffhandels durch spezialisierte Banken stellt ein grosses Segment dar: 2016 wurde die Finanzierung des Handels in der Schweiz auf 61,8 Milliarden Dollar geschätzt – gegenüber z. B. 19,6 Milliarden Dollar im Vereinigten Königreich und 15,6 Milliarden Dollar in den USA».

Also ist der Finanzplatz Schweiz eng mit dem Rohstoffhandel verbunden.

Hedgefunds und Private-Equity

Weiter hiess es im Bundesratsbericht:

«Ausserhalb Europas zählen u.a. die USA und Singapur zu den grössten Konkurrenten für den Schweizer Rohstoffhandelsplatz. Die USA verfügen über eine grosse Binnenwirtschaft. Ausserdem führt die lokale Präsenz der Rohstofffirmen, insbesondere in der Region Texas, zu einer Vielzahl an qualifizierten Arbeitskräften. Darüber hinaus haben die USA aufgrund der zahlreichen Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften in der Region New York einen privilegierten Zugang zu den Finanzmärkten.»

Logisch wollen die Amerikaner wissen, wie sich all dies seit 2016 entwickelt hat. Insofern sind die neuesten Daten des BFS eine gute Gesprächsgrundlage.

25.08.2023/ena.

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