Acemoğlu als Retter liberaler Demokratien

Daron Acemoğlu beim Erhalt des Nobelpreises für Wirtschaft 2024
Nobelpreisträger Acemoğlu erklärt den Aufstieg des Populismus. (Bild: PD / Anna Svanberg)

Nobelpreisträger Daron Acemoğlu fand heraus, warum Länder reich werden. Nun kämpft er für den Erhalt liberaler Demokratien und für die Schweiz.

Der türkisch-amerikanische Starökonom Daron Acemoğlu hat ein neues Betätigungsfeld gefunden, das ihm die Nächte raubt.

Es ist nichts Geringeres als die Rettung der liberalen Demokratie, denn die ist weltweit bedroht.

Rechtsstaat garantieren

Der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2024 ist bekannt für seine Erkenntnis, dass Wohlstand von Nationen massgeblich von Institutionen abhängt und nicht von Bodenschätzen, Klima oder etwa der Kultur.

Länder regen Innovationen und nachhaltigen Wohlstand an, wenn sie Eigentumsrechte schützen, Rechtsstaatlichkeit garantieren und die Bildung fördern.

Konzentriert sich die Macht und der Reichtum dagegen in den Händen einer kleinen Elite, führt dies historisch quasi immer zu Stagnation, weil Leistung und Unternehmertum versiegen.

Machtelite begrenzen

Bei erfolgreichen Ländern, wie etwa der Schweiz, halten sich der Staat und die Zivilgesellschaft gegenseitig in Schach.

Der Schweizer Staat ist stark und handlungsfähig, um Eigentumsrechte zu garantieren und Verträge zu schützen.

Doch über die Rückkopplung von den Bürgern, kann sich eine kleine Elite nicht auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, lautet das Erfolgsrezept des Ökonomen, der am MIT in Cambridge in den USA lehrt.

Breiter Wohlstand wichtig

Nun widmet sich der Wirtschaftswissenschafter der Erklärung, warum die liberale Demokratie derzeit so stark leidet.

«Die wichtigste Leistung der liberalen Demokratie bestand darin, breiten Wohlstand zu schaffen», sagte er im Interview mit dem deutschen Magazin «Der Spiegel».

Im Industriezeitalter benötigten Unternehmen für Wachstum mehr Arbeitskräfte, und sie stellten Menschen unter den wachsamen Augen demokratischer Institutionen an.

Arbeiterklasse verloren

Die Löhne von Arbeitern stiegen schneller als Managergehälter und Unternehmensgewinne, bis dann die digitale Automatisierung und die Jobverlagerung ins Ausland diese Dynamik verdrängten.

«In der postindustriellen Welt von heute können Firmen wachsen und gleichzeitig massenhaft Mitarbeiter entlassen», sagte der Nobelpreisträger.

Früher brachten Linksliberale und Sozialdemokraten viele Reformen voran, die das Leben der Arbeiter verbesserten.

«Kern der Wählerschaft der SPD in Deutschland, von Labour in Grossbritannien und der US-Demokraten bildete für die sogenannte Arbeiterklasse, Menschen ohne Hochschulabschluss», erklärte Wirtschaftsprofessor Acemoğlu.

Doch das habe sich nunmehr komplett geändert, denn die Arbeiterklasse wähle heutzutage rechts bis rechtsextrem. «Akademiker in den urbanen Zentren hingegen wählen mit überwältigender Mehrheit Mitte-links», betonte der Starökonom.

Umformung der Werte und Sprache

Heutzutage gebe es kaum noch einen linken Politiker ohne akademischen Hintergrund, was den Schwerpunkt linker und liberaler Politik verschoben habe.

«Sie repräsentiert nicht mehr die Breite der Gesellschaft».

Dabei sei die wachsende Entfremdung zwischen den gut ausgebildeten Teilen einer Gesellschaft und dem Rest das Problem, sagte der Experte, der deshalb kaum noch schlafen kann.

Die linke Mitte wandte sich dagegen der Kultur- und Identitätspolitik zu und formte dabei Werte, Normen und sogar die verwendete Sprache um.

«Aber wir müssen die Arbeiterklasse zurück in den Mittelpunkt der Politik rücken», sagte er. Die wirtschaftliche Agenda müsse sich auf Jobs, Lohnwachstum und Wohlstand für alle konzentrieren, hob der 59-jährige Ökonom hervor.

Nicht nur Arbeitskosten sparen

Aus alldem resultiere auch, die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz KI an den Bedürfnissen von Arbeitnehmern auszurichten und nicht nur die Arbeitskosten drastisch zu senken, betonte Acemoğlu.

«Die grösste Gefahr ist, dass unsere Arbeitsplätze und unser Wohlstand zerstört werden – und damit die Demokratie», warnte er.

«Leider ist das Silicon Valley zu einer antidemokratischen Kraft geworden», erklärte der Nobelpreisträger bezüglich des Fortschritts um KI.

Der künftige Arbeitsmarkt dürfe nicht nur aus Handwerkern, spezialisierten Ingenieuren und Unternehmern bestehen.

Politischem Frust begegnen

Durch Deindustrialisierung, Globalisierung und unregulierte Automatisierung wurde das Fundament von Demokratien in den vergangenen Jahrzehnten zerstört, was zu politischem Frust und dem Aufstieg des Populismus geführt habe.

Insofern gilt es, diesen Entwicklungen sofort Einhalt zu gewähren, denn sonst rutschen Länder beim Wohlstand ab.

Macht des Geldes begrenzen

Für die Schweiz bedeutet dies aber auch, politische Entscheidungsfindung wieder stärker ins Lokale zu verlagern, statt alles durch Experten «top-down» oder sogar weit entfernt von Brüssel zu regeln.

Dabei sollen die Menschen wieder viele Wertvorstellungen akzeptieren, statt Vorgaben von einer «Elite» aufgezwungen zu bekommen.

Mit anderen Worten: Es lohnt sich für alle, viele Menschen gegen die Macht des Geldes einzusetzen.

24.10.2026/kut.

Acemoğlu als Retter liberaler Demokratien

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