
Der Bundesrat ist der Ansicht, zwei Uralt-Kernkraftwerke können durchaus 80 Jahre laufen. Damit kommt er den staatlichen Betreibern deutlich entgegen.
Die Schweiz ist immer für Überraschungen gut.
Eigentlich will das Land keine Kernenergie mehr nutzen, doch die Notwendigkeit von günstigem Strom ist gross.
Volkswille nur vorübergehend
Dies weiss auch die Schweizer Regierung, die auch die Analyse kennt, dass die Schweizer Teuerung quasi nur vom Preisschub von Energie abhängt.

Daher ist der Bundesrat auf der Suche nach Mitteln und Wegen, das Ableben der bestehenden vier Kernkraftwerke so lange wie möglich hinauszuzögern.
Wohlgemerkt dürfen aufgrund eines Volksentscheids keine neuen Atomreaktoren gebaut werden. Doch auch dabei ist wohl das letzte Wort noch nicht gesprochen.
Vier Reaktoren an drei Orten
Nun beugte sich der Bundesrat am Mittwoch über zwei Studien, und findet es mit seinem Halbwissen zur Kernenergie vertretbar, die Lebensdauern der Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt einfach auf bis zu 80 Jahre auszudehnen.
Eine Aktennotiz vom Bundesamt für Energie BFE gewährte den ältesten Kernkraftwerken der Welt im Jahr 2024 bereits unkompliziert eine Lebensdauer von bis zu 60 Jahren.

In der Schweiz sind derzeit vier Kernkraftwerke an drei Standorten in Betrieb. Das sind zwei in Beznau und jeweils eins in Gösgen sowie Leibstadt.
Ursprünglich gingen zwischen 1969 und 1984 fünf Kernkraftwerke an den vier Standorten in Betrieb. Doch das Atomkraftwerk Mühleberg wurde 2019 endgültig ausser Betrieb genommen.
Die verbleibenden Kernreaktoren der Schweiz sind seit über 40 Jahren in Betrieb, womit sie im sogenannten Langzeitbetrieb stehen.
Stromlücke im Winter
Diese leisten seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung des Landes.
Im Jahr 2024 betrug die Stromproduktion der Kernenergie in der Schweiz rund 23 Terawattstunden (TWh), was rund 30 Prozent der inländischen Stromproduktion entspricht.
Im Winterhalbjahr 2024/25 trug die Kernenergie rund 36 Prozent zur inländischen Stromproduktion bei. Die bestehenden Kernkraftwerke leisten insbesondere im Winterhalbjahr nach wie vor einen zentralen Beitrag zur Versorgungssicherheit.
Der Langzeitbetrieb kann künftig zur Überbrückung einer allfälligen Stromlücke im Winter beitragen. Dafür müssen die Betreiber die nötigen Investitionen in Erneuerungen vornehmen.
Verluste sehr unwahrscheinlich
Gleich zwei Studien kommen nunmehr zum Schluss, dass sich die für den Langzeitbetrieb erforderlichen Investitionen – je nach Werk rund 0,7 bis 1,2 Milliarden Franken – unter realistischen Annahmen zur weiteren Entwicklung der Strompreise und der Kosten voraussichtlich amortisieren liessen.
Eine Wirtschaftlichkeitslücke trete nur in einem sehr konservativen Szenario mit sehr niedrigen Strompreisen auf und bleibe auch dann begrenzt.

Daher lobte der Bundesrat die Berechnungen und willigte in den neuen Langzeitbetrieb ein. Bekanntlich gehen nach aktuellem Stand die zwei Kernreaktoren in Beznau in den Jahren 2032 und 2033 vom Netz.
Dies erzeugt eine Stromlücke und die Analysen berücksichtigen noch nicht einmal einen steigenden Energiebedarf, etwa durch Datenzentren der Künstlichen Intelligenz KI.
Bund muss notfalls einspringen
Die Atomkraftwerke wurden in der Schweiz mit privaten Mitteln bestritten und auch die Weiterführung bis auf 80 Jahre würde weitestgehend ohne Subventionen auskommen.
«Eine finanzielle Förderung des Langzeitbetriebs erachtet die Landesregierung derzeit als nicht notwendig», hiess es daher auch im Communiqué vom Bundesrat.
Wer kann da schon «nein» sagen? Wohl niemand.

Falls sich wider Erwarten eine Wirtschaftlichkeitslücke oder erhebliche Investitionshemmnisse ergeben sollten, erachte die Landesregierung zweiseitige Differenzverträge («gleitende Marktprämie») oder Investitionsbeiträge als geeignete staatliche Fördermassnahmen, so die Angaben.
Unrealistisch sind Staatshilfen aber nicht, wie die jüngsten Entwicklungen im Atomreaktor Gösgen zeigten, kann so ein Kernkraftwerk nämlich durchaus mal für ein halbes Jahr einfach ausfallen.
Entgegenkommen für Atomwirtschaft
Die Kernkraftwerke verfügen in der Schweiz über unbefristete Betriebsbewilligungen und können so lange betrieben werden, wie sie sicher sind.
Nicht-wirtschaftliche Risiken ergäben sich aus politischen und regulatorischen Unsicherheiten, beispielsweise durch eine mögliche vorzeitige Stilllegung oder verschärfte Sicherheitsanforderungen, hiess es am Mittwoch zu den eigentlichen Gefahren.
Stabile regulatorische Rahmenbedingungen seien daher von zentraler Bedeutung und geben den Betreibern gewisse Planungssicherheit.

Damit wird aber auch klar, dass das ewige Leben den staatlichen Energiekonzernen um Axpo, BKW, CKW, AEW, Alpiq & Co. in der Folge hilft, Abschreibungen auf die Uralt-Anlagen zu vermeiden und das Know-how langfristig vorzuhalten.
Einzige Zahl verändert viel
Die für die Nachrüstungen erforderlichen Kosten können die Betreiber bei kürzeren Laufzeiten nämlich nicht amortisieren.
Daher kommt den Stromkonzernen eine längere Betriebsdauer nun klar entgegen, weil sie die Aufwände über mehr Jahre abschreiben können.
Hinzu kommt der Stilllegungs- und Entsorgungsfonds (Stenfo), bei dem die Laufzeiten eine grosse Rolle spielen, bis das Geld zum Rückbau vollständig zur Verfügung stehen muss.
Billige Energie ist Wohlstand
Da bleibt jetzt mit dem Austausch von nur einer Zahl, also 60 auf 80 Jahren, viel mehr Zeit für die Einzahlung sowie die Verzinsung des Kapitals.
Es reduziert aber auch die gigantischen Schwankungen der Stenfo-Fondsanteile, die den Betreibern in staatlichem Besitz immer so viel Mühe bereiten.
Was macht die Schweiz nicht alles, um ihre Energieversorgung in den Griff zu bekommen. Jedes Kind weiss doch mittlerweile, billige Energie bedeutet Wohlstand.
14.05.2026/kut.





