
Noch-Bundespräsident Guy Parmelin stattet Indien einen Staatsbesuch ab, um ein Handelsabkommen zu würdigen. Doch zu feiern gibt es quasi nichts.
Nach seiner Rücktrittserklärung ist SVP-Bundesrat Guy Parmelin sofort zu einem Staatsbesuch nach Indien aufgebrochen.
Seit Montag weilt der Noch-Bundespräsident in Neu-Delhi und wurde von der indischen Präsidentin Draupadi Murmu und dem indischen Premierminister Narendra Modi empfangen.
Mit Konkurrenten gleichziehen
Anlass war das 1-Jahres-Jubiläum des Handels- und Wirtschaftsabkommens Tepa zwischen Indien und den Efta-Staaten, zu denen die Schweiz gehört.
Nach über einem Jahrzehnt an Verhandlungen hatten sich die Länder plötzlich auf einen Vertrag geeinigt.
Die Schweiz frohlockte, dass damit Vorteile von Japan, Australien und Südkorea, die über Handelsabkommen mit Indien verfügen, ausradiert worden seien.
Grosse Taten zugesagt
Parmelin und seine Noch-Staatssekretärin Helene Budliger Artieda waren gleich mehrmals nach Indien gereist, um den Vertrag in trockene Tücher zu bringen.
Die Efta-Staaten bekamen das asiatische Land mit Zusagen herum, in den kommenden Jahren mindestens 100 Milliarden Dollar investieren und 1 Million Arbeitsplätze schaffen zu wollen.
Doch ausser Spesen nichts gewesen, darf das Fazit bisher trocken gezogen werden.
Schweigen zu Details
Was wurde in dem Jahr seit des In-Kraft-Tretens erreicht? Praktisch nichts.
Auch ist nicht klar, welches Efta-Land wie viele Investitionen erbringen und für wie viele Arbeitsplätze geradestehen muss.
Mehrere Anfragen, auch von muula.ch, wollten die Schweizer Behörden diesbezüglich nicht beantworten.
Wie sich der Schweizer Staat zu solchen Zusagen verleiten lassen kann, bleibt auch Parmelins Staatsgeheimnis.
Nur Mini-Werte sichtbar
Der Magistrat lobte am Montag das Interesse der Schweiz am indischen Markt.
Wenn dies so wäre, hätten nach Abschluss des Tepa die Schweizer Exporte nach Indien förmlich explodieren müssen. Doch dies ist nicht der Fall.
Im August wurden gerade einmal Waren im Wert von 169 Millionen Franken exportiert, was einem Minus gegenüber dem Vormonat von 8,4 Prozent entsprach.
Auch die Importe aus Indien sanken im August um rund 1 Prozent auf 173 Millionen Franken, wie das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit BAZG angab.
Ein Boom sieht wohl anders aus.
Gold als Exportschlager
Im ganzen Jahr 2025 lagen die Schweizer Ausfuhren nach Indien auch nur bei etwas mehr als 2 Milliarden Franken.
Die Schweizer Einfuhren aus Indien kamen auf ungefähr das gleiche Niveau. Im Jahr 2024 wurden ebenfalls diese Grössenordnungen erreicht, wobei die Schweizer Importe aus Indien sanken.

Gold in Rohform ist exportseitig ohnehin das wichtigste Handelsgut der Schweiz mit Indien.
Rund 87 Prozent der indischen Importe in den Jahren 2018 bis 2023 gingen auf das gelbe Edelmetall zurück.
Die Schweizer Handelsstatistiken klammern diesen Aspekt allerdings aus.
Ayurveda-Medizin wirkt
Die wichtigsten Exportgüter der Schweiz nach Indien ohne Gold sind Maschinen, Apparate und Elektronik mit einem Anteil von rund 33,6 Prozent.
Chemische und
pharmazeutische Produkte kommen auf 29,3 Prozent sowie Präzisionsinstrumente, Uhren und Bijouterie auf 23,7 Prozent.
Die wichtigsten Importe aus Indien in die Schweiz sind chemische und pharmazeutische Produkte mit 44,9 Prozent. Ayurveda lässt da meist grüssen.
Textilien, Bekleidung und Schuhe machen rund 19,3 Prozent sowie Metalle rund 11,7 Prozent der Schweizer Importe aus Indien aus.
Zugeständnisse bei Migration
Nach Ablauf der Zollabbaufristen von teils über einem Jahrzehnt können Schweizer Unternehmen basierend auf dem bisherigen Handel jährlich bis zu rund 167 Millionen Franken an Zöllen einsparen, rechnete die Berner Administration vor.
Das sind aber Peanuts im Vergleich zu den vielen Kosten, welche allein das Wirtschaftsdepartement mit Reisen nach Indien ausgegeben hat.

Die Schweiz machte Indien mit diesem Abkommen obendrein grosse Zugeständnisse bei der Migration von Indern, wie aus der Botschaft des Bundesrats zu dem Abkommen hervorgeht.
An die grosse Glocke hängte dies SVP-Bundesrat Parmelin nicht, obwohl Zuwanderungsfragen in der Schweiz eigentlich kantonal geregelt sind.
Nur China zählt in Asien
Die Schweiz zieht bei Indien gerne einen Vergleich zu China.
Dort verdoppelten sich die Schweizer Exporte innerhalb eines Jahrzehnts nach Abschluss eines Freihandelsabkommens.
Wenn dies bei Indien auch so geschehen würde, käme die Schweiz allerdings nur auf ein Ausfuhrvolumen von 4 Milliarden Franken – ein Tropfen auf den heissen Stein binnen einer Dekade.
Handel in Asien betrifft praktisch nur das Reich der Mitte, wie die Landesregierung selbst bekanntgab.
Rechtsstreitigkeiten verloren
Die Basler Pharmaindustrie um Roche, Novartis, Sandoz & Co. ist wegen des geringen Schutzes beim geistigen Eigentum in Indien ohnehin skeptisch, ob das Abkommen überhaupt etwas bringt.
Indien gewährt nur sehr restriktiv Patentschutz und auch sonst unternimmt der indische Staat vergleichsweise wenig, wenn jemand Produkte kopiert.
Schweizer Firmen verloren unlängst zahlreiche Rechtsstreitigkeiten vor indischen Gerichten. Das Jammern über indische Bürokratie lässt sich auch nicht überhören.
Administration dreht sich im Kreis
Parmelin feiert sich und sein Abkommen in Neu-Delhi daher eigentlich selbst. Staatsempfang, Staatsbankett und grosse Entourage. Ganz nach seinem Geschmack.
Erörtert wurden in diesem Zusammenhang auch die Verhandlungen für ein neues bilaterales Investitionsschutzabkommen Indien – Schweiz, hiess es im Communiqué.
Dies hatten die Inder aber im Jahr 2016 gerade erst gekündigt. Die Administration beschäftigt sich also quasi selbst.
06.10.2026/kut.




