Ode an den Genuss

Ein Mann geniesst die Landschaft von einer Bank mit verschränkten Armen hinter dem Kopf
Die Landschaft ohne Influencer und Drohnen geniessen. (Bild: D. Hazra / unsplash)

Das Wohlbehagen schwindet, das Menschen empfinden, wenn sie etwas auf sich wirken lassen. Die Schweiz braucht da mehr Genussfähigkeit und Hingabe.

Der Genussmensch ist in der Schweiz vom Aussterben bedroht.

Einst galt er als heimliche Leitfigur des Landes. Doch heutzutage wird er von Ernährungsrichtlinien, Klimabilanzen, Gesundheitsapps und Moralpredigten in die letzte Ecke gedrängt. 

Neue Askese

In der Schweiz wird nicht mehr einfach gegessen, getrunken und geschlemmt – alles steht unter Vorbehalt, alles unter Beobachtung.

Wer raucht, gilt als unvernünftig. Wer Alkohol trinkt, gilt als potenzieller Problemfall. Auch wer Schokolade liebt, gilt als disziplinlos. Und wer Fleisch mag, ist sofort ein Klimasünder.

Karotten, Vollkornflocken und Hülsenfrüchte haben den feisten Sonntagsbraten als Leitbild verdrängt.

Kalorien und Umweltbelastung

Die neue Tugend heisst «gesund» – und zwar nicht genussvoll gesund, sondern kontrolliert gesund.

Essen wird zur Rechenaufgabe: Kalorien, Zusatzstoffe, Herkunft, CO2-Fussabdruck. Der Teller is(s)t korrekt, aber selten glücklich.

Man lebt länger, heisst es zwar. Aber wozu, wenn unterwegs die Freude abtrainiert wird? 

Verzicht als moralischer Standard

Kaum ein Lebensbereich, in dem der Verzicht nicht längst zum moralischen Standard erhoben wurde.

Ferien mit dem Flugzeug? Erklärungsbedarf. Wer dennoch fliegt, entschuldigt sich vorbeugend oder kauft sich allenfalls mit CO2-Kompensationszertifikaten frei.

Autofahrten werden mit schlechtem Gewissen angetreten, Kreuzfahrten sind sozial kaum noch vermittelbar. Influencer schlitzen Luxushandtaschen auf, um den genauen Produktionskosten auf den Grund zu gehen.

Klima vor Geschmack

Selbst harmlose Alltagsfreuden geraten unter Beschuss. Mineralwasser aus der Flasche – ein Hochgenuss, vor allem, wenn es fein perlt.

Leitungswasser mag ökologisch korrekt sein, schmeckt aber vielerorts schlicht nicht gut.

Trotzdem gilt: Wer nicht aus dem Hahn trinkt, schädigt die Umwelt. Genuss ist verdächtig, Kargheit ist schick.

Misstrauen gegen schönes Leben

Den Kritikern eines feisten Lebensstils fällt ständig etwas Neues ein.

Langes Duschen? Unnötiger Wasserverbrauch. Ein Schaumbad? Energieverschwendung. Dabei wächst nicht der Verbrauch, sondern vor allem die Verbotsliste.

Den Menschen, der sich im warmen Wasser treiben lässt und den Wintertag von sich abspült, beäugt die Gesellschaft misstrauisch: zu viel, zu lange, zu lustvoll.

Eine Frau isst Pasta
Einen Teller Pasta ohne schlechtes Gewissen geniessen. (Bild: P. Montes / unsplash)

Auch die Festtage zum Jahresende werden zurechtgestutzt. Ausgelassene Weihnachtsbeleuchtung? Lichtsmog und Stromverschwendung.

Blumige Feuerwerke zum neuen Jahr? Feinstaub, Lärm, Tierleid.

Was früher Staunen und leuchtende Augen auslöste, gilt heute als unsensibel. Die stille Schweiz weiss noch genauer, was zu viel Freude macht und wo noch mehr Zurückhaltung angebracht wäre. 

Genuss unter Dauerbeschuss

Selbst dort, wo der Genuss traditionell eine letzte Bastion hatte, ist es eng geworden.

Eine genussvolle Bahnfahrt mit den Schweizerischen Bundesbahnen SBB – in Ruhe aus dem Fenster schauen, ein Buch lesen, die Landschaft vorbeiziehen lassen – ist kaum mehr möglich. In jedem Wagen hängt jemand in einem Zoom- oder Teams-Call und verwandelt den Waggon in ein rollendes Grossraumbüro.

Das Rattern der Schienen wird vom Singsang der Meeting-Floskeln beziehungsweise von FaceTime-Anrufen übertönt.

Lifestreaming von Ruhe

Wer die Stille sucht, flieht in die Berge. Doch auch dort ist der Genuss nicht mehr ungestört.

Auf den Gipfeln lauern YouTuber, Influencer und Hobbyfilmer mit Teleskop-Kameras und Drohnen. Menschen erleben den Sonnenuntergang nicht mehr, sondern produzieren ihn.

Die Stimmung gehört nicht mehr den Anwesenden, sie gehört dem Algorithmus.

Nur noch in den abgelegensten Wipfeln der Schweiz ist Naturgenuss halbwegs zu haben – und selbst dort mit der vagen Angst, jederzeit ins Netz gestreamt zu werden. 

Schweiz fehlt Zufriedenheit

Der Preis dieser neuen Kollektivmoral ist hoch. Eine Gesellschaft, die alles optimiert – Gesundheit, Ressourcenverbrauch, Verhalten, Kommunikation – verliert etwas Entscheidendes, und das ist Leichtigkeit.

Wo jeder Schluck Wein, jede Zigarre, jede Luxushandtasche, jedes Suite- und First-Class-Upgrade, jede längere Dusche, jede Sammelleidenschaft, jedes Wochenende im Ausland gerechtfertigt werden muss, sinkt klar die Lebenszufriedenheit.

Feuerwerk bestaunen

Mehr Genuss würde der Schweiz aber mehr Zufriedenheit bringen.

Nicht hemmungslose Völlerei, nicht rücksichtsloser Konsum, sondern bewusste, hingebungsvolle Momente, in denen der Mensch sich selbst einmal nicht als Projekt, sondern einfach als fühlendes Wesen versteht.

Ein Teller Pasta ohne schlechtes Gewissen. Ein Glas Wein ohne Rechtfertigung. Ein Feuerwerk, das man staunend anschaut, statt es reflexhaft zu verurteilen.

Bleibende Eindrücke

Die Schweiz wäre ein entspannteres Land, wenn sie den Genussmenschen nicht ausrottet, sondern rehabilitiert.

Ein Land, das sich wieder erlaubt, nicht nur korrekt zu leben, sondern gut.

Denn am Ende wird man sich nicht an die Zahl gesparter Kalorien erinnern, sondern an die Augenblicke, in denen man wirklich gelebt hat.

Auf ein genussvolles 2026.

31.12.2025/kut.

Ode an den Genuss

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