Martullo-Blocher weist Rückversicherer Swiss Re den Weg

Ems-Chemie Chefin Magdalena Martullo-Blocher
Ems-Chemie-Chefin Magdalena Martullo-Blocher an der Jahresmedienkonferenz. (Bild: muula.ch)

Die Ems-Chemie-Gruppe stellt so manchen Grosskonzern in den Schatten. Besonders Swiss Re kann sich dort eine Scheibe abschneiden.

Über Swiss Re kann man sich derzeit nur wundern.

Der zweitgrösste Rückversicherer der Welt lädt die Presse nicht nur zur Präsentation des falschen Geschäftsjahres ein, sondern macht noch einen weiteren ungewöhnlichen Schritt zu seiner jährlichen Bilanzmedienkonferenz.

Schlafende Mediensprecher

Das Swiss-Re-Management um Konzernchef Christian Mumenthaler und CFO John Dacey macht sich nämlich nicht einmal mehr die Mühe, persönlich vor die Journalisten zu treten.

Es verschickt dieser Tage bloss eine E-Mail zu einer Microsoft-Teams-Sitzung an die Presse, in der auch noch mehrfach von der Vorstellung des «Geschäftsjahres 2024» die Rede ist.

Ein paar Tage später kommt nochmal eine Erinnerung – erneut mit dem falschen Geschäftsjahr. Wie solche Fehler bei den zahlreichen Mediensprechern, welche der Swiss-Re-Konzern hat, unterlaufen können, sei einmal dahingestellt.

Privatjet defekt?

Doch vielmehr als das korrekte Geschäftsjahr wirft die lieblose Nachricht die Frage auf, ob es gar keine physische Medienkonferenz am Zürcher Mythenquai mehr wie üblich gibt.

Und siehe da, «aus logistischen Gründen» gebe es tatsächlich keine persönliche Medienkonferenz, teilte eine Swiss-Re-Sprecherin auf die Anfrage von muula.ch mit.

Was die logistischen Ursachen sind, klärte sie erst nach erneuter Kontaktaufnahme mit und dies sei nicht etwa ein defekter Privatjet, sondern Bauarbeiten am Hauptsitz des Versicherungskonzerns.

Herunterrasseln von Zahlen

Warum der zweitgrösste Rückversicherer der Welt keinen Raum findet, um sich einmal im Jahr persönlich den Fragen der Medien zu stellen, zeigt eindrücklich, wie egal Swiss Re die Medien sind. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, heisst es doch immer so schön.

CEO und CFO des Rückversicherers Swiss Re
Das Swiss-Re-Management stand 2023 persönlich vor den Medien. (Bild: muula.ch)

Doch vielen Journalisten dürfte die Veranstaltung aber ohnehin egal sein, denn der Rückversicherer präsentiert sich oft so langweilig und liest nur Zahlenkolonnen zu Prämien, Schäden sowie Kapitalerträgen herunter, dass es wahrscheinlich auch ohne physische Präsenz geht.

Dabei hätten gerade Rückversicherer viel Interessantes zu bieten.

Einladung mit Niveau

Und an dieser Stelle kommt die SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher ins Spiel. Sie lädt die Presse für die zur Vorstellung der Jahresergebnisse der Ems-Chemie-Gruppe, deren Chefin sie ist, mit einem persönlich unterzeichneten Schreiben ein.

Zu Beginn der Veranstaltung, die für das Geschäftsjahr 2023 am vergangenen Freitag stattfand, begrüsst Martullo-Blocher, wie jedes Jahr, alle anwesenden Medienvertreter per Hand und der Event erschien erneut bestens vorbereitet.

Es versteht sich von selbst, dass das gesamte Management sowie der Verwaltungsrat der Ems-Gruppe anwesend sind und sich die Persönlichkeiten in Schale geworfen haben. Für die Fragen der Journalisten will die Ems-Gruppe eben die besten Antworten liefern.

Ansprechende Aufbereitung

Dabei hat die Firmenchefin und Politikerin sogar für das gesamte Spektrum der Presse etwas vorbereitet. Den Finanzmedien bietet Martullo-Blocher die Geschäftszahlen. Für die Politikjournalisten erklärt sie die Weltpolitik und die Fehler, welche die Schweiz aus ihrer Sicht begeht.

Und für die Medien, welche sich nicht so sehr für den Geschäftsgang oder die Politik, sondern mehr für die Arbeitsplätze in der Schweiz oder Produktneuheiten der Ems-Chemie interessieren, zieht sich die Firmenchefin eigens um und präsentiert Schweizer Innovationen.

Ems-Chemie-Chefin Magdalena Martullo-Blocher
Die Chefin der Ems-Chemie präsentiert Produkte. (Bild: muula.ch)
Chefin der Ems-Chemie Magdalena Martullo-Blocher
Die Chefin der Ems-Chemie präsentiert Produkte. (Bild: muula.ch)

Im vergangenen Jahr schlüpfte Martullo-Blocher rasch in einen Skianzug. In diesem Jahr erklärte sie in Matrosenuniform eine Produktneuheit eines aussergewöhnlichen Spritzgussverfahrens. So sieht professionelle Medienarbeit aus. Der Ansatz ist kreativ.

Die Stimmung an der Medienkonferenz ist dabei jeweils alles andere als langweilig. Die Zeit vergeht rasch und die Fragen der Journalisten beantwortet Martullo-Blocher stets geduldig.

Überspielen von Erkältung

Dabei verweist sie häufig sogar auf Folien, die sie speziell für die erwartbaren Fragen vorbereitet hat. Besser geht es kaum. Im Nachgang der Medienkonferenz erhalten Teilnehmer normalerweise eine E-Mail, in der sich die Firmenchefin für die Teilnahme persönlich bedankt.

Die Nationalrätin, die gleichzeitig noch eine Firma führt, und somit sicher auch noch anderes zu tun hätte, trat am Freitag sogar sichtlich erkältet vor die Presse. Doch nicht einmal ein Husten hielt sie von der Teilnahme an «ihrer» Bilanzmedienkonferenz ab.

An so einem guten Stil kann sich das Swiss-Re-Management, das sonst so preziös erscheinen will, ein Beispiel nehmen. Keine physische Präsenz am Hauptsitz wegen Bauarbeiten erscheint fast lächerlich.

Sittenverfall bei Novartis

Doch wahrscheinlich liegt Swiss-Re nur im Trend der Grosskonzerne, denn beim Basler Pharmakonzern Novartis trat in diesem Jahr der Konzernchef Vas Narasimhan, trotz seines Jahressalärs von 16 Millionen Franken, auch nicht einmal persönlich vor die Presse.

Novartis-Finanzchef Harry Kirsch beantwortete Journalistenfragen lediglich per Telefonkonferenz. Anliegen an den Konzernchef sollten Journalisten an das Presseteam geben. Es geht also immer noch schlimmer.

Doch während Novartis-Chef mit einer Gewinnverdopplung auf rund 15 Milliarden Dollar (wieder) fest im Sattel sitzt, ist dies beim Swiss-Re-Chef Mumenthaler nicht der Fall. Der CEO des Rückversicherers steht schon länger auf der Abschussliste und kritische Fragen, persönlich von Journalisten gestellt, kann er da wahrscheinlich nicht auch noch gebrauchen.

Bemühen um Öffentlichkeit

Der gute Stil von Ems-Chefin Martullo-Blocher dürfte allerdings noch eine Ursache haben. Schliesslich gehört den Blochers die Mehrheit an dem Spezialchemiekonzern und damit kümmert sich die Firmenchefin auch persönlich um die Öffentlichkeit.

Bei den angestellten Managern um Swiss Re und Novartis, die Millionengagen erhalten, stören Journalisten praktisch nur. Doch zumindest könnten sie die Medien zum korrekten Geschäftsjahresabschluss einladen.

11.02.2024/kut.

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