Die Finanzstabilität der Schweiz bleibt im Dunklen

SNB-Vize Martin Schlegel
Der Vize-Präsident der Nationalbank Martin Schlegel. (Bild: PD)

Die Schweizerische Nationalbank SNB publiziert jedes Jahr ihren Bericht zur Finanzstabilität. Der Titel täuscht aber über den wahren Inhalt hinweg.

«Ein stabiles Finanzsystem zeichnet sich dadurch aus, dass seine Komponenten ihre Funktion erfüllen und sich im Fall eines schweren Schocks als widerstandsfähig erweisen», schreibt die Schweizerische Nationalbank SNB ein jedes Jahr am Anfang ihres Berichtes zur Finanzstabilität.

«Der Fokus dieses Berichts liegt auf den Schweizer Banken, da die Erfahrung aus vergangenen Finanzkrisen zeigt, dass die Finanzstabilität in erster Linie von der Stabilität des Bankensektors abhängt», führt die Schweizer Zentralbank weiter aus.

Nur Daten und Zahlen

Die Lektüre des Reports, so könnte man also meinen, liefere ein umfassendes Bild zur Situation im Lande bezüglich der Finanzstabilität.

Doch weit gefehlt. Das Werk ist ein Sammelsurium an Daten und Zahlen, die retrospektiv alles Mögliche beschreiben, was ohnehin schon bekannt ist.

«Die Kapitalsituation hat sich seit der Publikation des letz­ten Berichts zur Finanzstabilität bei beiden Banken weiter verbessert. Die Kapitalquoten der Credit Suisse und der UBS übertreffen die Anforderungen gemäss der Schweizer «Too big to fail (TBTF)»­-Regulierung und liegen im internationalen Vergleich über dem Durchschnitt», hiess es etwa in der Ausgabe 2022, die kurz vor der Verschärfung der Situation bei der Grossbank Credit Susisse (CS) erschienen ist.

Irreführendes Fazit

«Die SNB verfolgt die Entwicklungen im Bankensektor aus dem Blick­winkel des Gesamtsystems und mit einem Fokus auf die systemrelevanten Banken, da letztere potenziell Auswirkungen auf das System als Ganzes haben können», hiess es auch noch. 

Die ­zwei­ global­ aktiven­ Schweizer ­Banken ­seien gut ­aufgestellt,­ um­ die­ Herausforderungen ­des aktuellen ­Umfelds­ zu­ meistern ­und ­die ­Realwirtschaft­ zu ­unterstützen, so das Fazit der Notenbanker.

Ein paar Monate später zog die Schweizer Finanzministerin Karin Keller-Sutter an der historischen Medienkonferenz, die auch muula.ch live übertrug, ein anderes Fazit.

Die Wirtschaft würde unter der Situation bei der Krisenbank leiden und daher müsse der Staat mit einer Notfusion zwischen UBS und CS eingreifen.

Vertrauensverlust nicht beleuchtet

Der SNB-Bericht fokussiert sich bezüglich der Widerstandskraft ohnehin bei den Grossbanken nur auf zwei Aspekte.

Einerseits wird die Profitabilität beleuchtet. Andererseits schauen die Notenbanker auf Kapitalquoten. Wenn es spannend wird, werden die Aussagen sehr allgemein.

Im Kapitel zu den Risiken der Grossbanken steht auch von einem «Bankenrun» oder einem Vertrauensverlust kein Wort. Das offenbar grösste Risiko des Schweizer Finanzmarktes, ein Bankenrun auf die Credit Suisse, bleibt unerwähnt.

Das Wort «Vertrauensverlust» fällt lediglich im Zusammenhang mit Cyberkriminalität:

«Eine Cyberattacke, welche die operationelle Funktionsfähigkeit einer systemrelevanten Bank oder Bankengruppe stark beeinträchtigt, könnte sich auf andere Finanzinstitute auswirken, u. a. aufgrund eines Vertrauensverlusts in das Finanzsystem», hiess es lediglich für den Finanzplatz Schweiz.

SNB-Spitze relativiert

Der für den Report zuständige Vize-Präsident der SNB, Martin Schlegel, gab am Donnerstag an einer Medienkonferenz in Zürich auch zu, dass der Report eigentlich nicht das verspricht, was man gemeinhin erwarten würde.

Allerdings dürfte der Bericht selbst die Finanzstabilität nicht gefährden. Er sei daher mehr deskriptiv rückwärtsgewandt, sehr nüchtern gehalten, hiess es weiter zur Begründung.

Im Report 2023 gibt die SNB daher auch bloss an, was beim Untergang der CS alles falsch gelaufen sein könnte. Genauere Angaben – Fehlanzeige. Die SNB müsste es aber ganz genau wissen.

Und warum kann dasselbe Schicksal die Monsterbank UBS mit CEO Sergio Ermotti nun nicht ereilen? Die SNB gibt keine Antworten.

Alles im Dunkel

Mit anderen Worten dürfen die Notenbanker die wahre Lage zur Finanzstabilität nicht korrekt und umfassend beschreiben, weil sie damit sonst die Finanzstabilität beeinträchtigen könnten.

Es wird also mit dem schönen Titel des Reports, den vielen Zahlen, Daten und bunten Grafiken der Öffentlichkeit bloss eine Beruhigungspille verabreicht und der Eindruck suggeriert, es sei alles im Lot.

Wer sich da fragt, was der Report dann überhaupt soll, der bleibt aber im Dunkeln, genauso wie die tatsächliche Finanzstabilität der Schweiz.

23.06.2023/kut.

Die Finanzstabilität der Schweiz bleibt im Dunklen

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