
Das Inferno von Crans-Montana versetzt der Schweiz einen Schock. Doch das böse Erwachen kommt mit der Analyse der Brandkatastrophe erst noch.
Als im März 2025 in Nordmazedonien ein Nachtklub in Flammen aufging und 62 Menschenleben sowie 193 teils Schwerverletzte forderte, gab es in der Schweiz rasch Stimmen:
«Typisch Osteuropa» und «so etwas könne hierzulande nicht passieren».
Synagoge im gleichen Haus
Nun lehrt die Realität nur wenige Monate später in der Silvesternacht, dass im Walliser Ort Crans-Montana bei einer ähnlichen Brandkatastrophe auch mindestens 40 Tote sowie 119 teils Schwerverletzte zu beklagen sind.
Ein Feuer durch Wunderkerzen soll zum Schweizer Unglück geführt haben.
Doch ein Brandanschlag ist nicht auszuschliessen, denn im selben Gebäude der Bar «La Constellation» an der Rue Centrale 35 ist auch die örtliche Synagoge untergebracht.
Viel Zeit verloren?
Erst am 2. Januar kurz vor 22 Uhr gab die offizielle Schweiz per Communiqué zu, dass die medizinischen Kapazitäten für eine so grosse Anzahl von Patienten mit schweren Verbrennungen in der Schweiz nicht ausreichend sind.
Die Schweiz habe daher über den Prozess des «Union Civil Protection Mechanism» um Unterstützung vom Ausland ersucht, hatte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS mitgeteilt.
Das Unglück hatte sich in der Silvesternacht kurz nach Mitternacht ereignet.
Plötzlich sind die EU und selbst die Gesundheitssysteme in Italien sowie in Deutschland gut genug für die Schweiz.
Nur medizinische Kriterien
Der Nationale Verbund Katastrophenmedizin KATAMED, also der ehemalige Koordinierte Sanitätsdienst der Schweiz, hatte allerdings noch nicht einmal Prozesse für eine solche Situation.
KATAMED habe erst eine Strategie zur Verlegung der Patienten von Crans-Montana auf Basis provisorischer Abläufe festgelegt, hiess es in der Medieninformation.
Es sei mit rund 50 Verlegungen zu rechnen, so das BABS weiter. Die Zuteilung der Patienten auf die zur Verfügung stehenden Behandlungsplätze im Ausland erfolge nach medizinischen Kriterien, entsprechend dem Zustand und den Verletzungen.
«Es sind medizinische Entscheide, die ausschlaggebend sind», hiess es wörtlich.
Angehörige müssten für die angewandten Kriterien sowie die Dringlichkeit ihr Verständnis aufbringen, auch wenn dies für die Familien unbeschreiblich schwere Situationen seien, so die Behörde.
Schweizer doch bevorzugt?
Am heutigen Sonntag kam ein weiteres Communiqué, in dem nur von 35 Verlegungen die Rede ist.
Was mit dem Rest passiert ist, sagte die offizielle Schweiz nicht. Es seien sieben Personen nach Belgien, weitere sieben Personen nach Deutschland, 15 Personen nach Frankreich und sechs Personen nach Italien verlegt worden, hiess es etwas unklar zur Situation.
Für Schweizer Patienten habe das Land nun Spitalplätze möglichst nahe der Schweiz priorisiert, erklärte das BABS überraschend.
Wichtig seien auch die Sprache sowie allfällige familiäre Verbindungen im Zielland und die Angehörigen hätten der Verlegung ins Ausland eingewilligt.
Rennen gegen die Zeit
«Bis zum 3. Januar 2026 konnte der Grossteil der durch die Spitäler beantragten medizinisch dringlichen Verlegungen durchgeführt werden», erklärte das BABS also drei Tage nach der verheerenden Brandkatastrophe.
Die Direktorin der Klinik für Schwerbrandverletzte und Plastische Chirurgie im Unfallkrankenhaus Berlin, Leila Harhaus-Wähner, hatte von 40 Hilfeersuchen für Brandopfer aus Crans-Montana allein für Deutschland gegenüber der Zeitung «Die Welt» gesprochen.
Bei schweren Verbrennungen komme es auf eine sehr schnelle Versorgung der Opfer an, so die Medizinprofessorin. Es sei ganz entscheidend, dass man gerade in der frühen Phase, in den ersten 48 Stunden sozusagen, die Weichen stelle und die Organsysteme protektiv behandele.
Dies widerspricht klar der gemächlichen Handlungsgeschwindigkeit bei den Schweizer Behörden.
Aufklärung tut Not
Ob die Erstversorgung im Kantonsspital Wallis ordnungsgemäss vorgenommen wurde, wird da also zu untersuchen sein.
Auch die Tatsache, dass ein Terroranschlag von den Lokalbehörden rasch ausgeschlossen wurde, ohne die Untersuchungsresultate des Forensischen Instituts in Zürich zur Brandursache abzuwarten, ist aufzuklären.
Die berechtigte Frage eines Journalisten vom «Spiegel», wann die Bar von den Walliser Behörden das letzte Mal kontrolliert worden war, blieb einfach unbeantwortet.
Das Wallis agiert vielleicht gereizt, um nicht noch mehr Missstände ans Licht kommen zu lassen.
«Typisch Wallis»
Die «SonntagsZeitung» berichtete nun über einen Bericht der BABS vom August, dass die Schweiz überhaupt nicht auf einen Katastrophenfall vorbereitet sei und die Vorsorge vernachlässigt habe.
Ärzte hatten nach dem Erdbeben in der Türkei kritisiert, dass die Schweiz auch nicht einmal ein Ereignis mit 25 Schwerverletzten bewältigen könnte.
Die damals zuständige Ministerin Viola Amherd, selbst aus dem Wallis, hatte die Bedenken aber einfach als Panikmache beiseitegewischt.
Nun erhält die Schweiz die Quittung für die Unvorbereitetheit. Das Gesundheitswesen liegt in der Kompetenz der Kantone. Es «fehlen klare Weisungskompetenzen auf nationaler Ebene», hiess es kritisch im BABS-Bericht.
«Allgemein sind die Kultur und die Kompetenz im Krisenmanagement eher gering ausgeprägt», zitierte die «SonntagsZeitung» zudem.
Rega nicht zugelassen
Es wird wohl auch noch ein böses Erwachen bei der Aufarbeitung geben, wie Die Retter die Flüge im Wallis koordinierten. Schliesslich wollte das Wallis nicht, dass die landesweit agierende Rega im Kanton aktiv wurde, und setzte praktisch nur auf die eigene Air Zermatt sowie der Tochtergesellschaft Air-Glaciers.
Die könnten aber gesetzliche Vorgaben zu Rettungszeiten gar nicht erbringen, hatte die Rettungsflugwacht Rega in ihrer Einsprache gegen den negativen Bescheid zu einem Leistungsauftrag vorgebracht.
Wann, wie und wohin, welche Ambulanzflüge in Crans-Montana erfolgt sind und wie sie optimal erfolgt wären, muss nun analysiert werden.
Zweitteuerstes Gesundheitswesen
Alles in allem wirkt die Schweiz von einem Brand in einer Bar extrem überfordert, der aber eigentlich jede Woche irgendwo passieren könnte.
Falls sich in der Schweiz mal ein Terroranschlag beziehungsweise eine Katastrophe in einem Fussballstadion mit 200 oder 300 Schwerverletzten ereignet, gelangt das Land wohl endgültig kopflos an seine Grenzen.
Dabei hat die reiche Schweiz nach den USA das teuerste Gesundheitssystem der Welt. Doch für Notfälle wie Crans-Montana taugt es offenbar wenig.
Und der CEO des Basler Pharmariesen Roche, Thomas Schinecker, hatte unlängst erklärt, in der Schweiz seien nur die Hälfte der in Deutschland standardmässig verfügbaren Medikamente erhältlich, was vielen Schweizern einen Schock versetzt haben dürfte.
Kleingeist der Kantone
Neben generellen Missständen im Wallis öffnet das Inferno ein weiteres Mal die Augen, auch beim Gesundheitswesen, für das die Kantone eigenbrötlerisch verantwortlich zeichnen.
Schweizer rümpften die Nase, als in Nordmazedonien vor wenigen Monaten dutzende Menschen in einem Nachtklub bei einem Brand starben und Schwerverletzte selbst im kostengünstigsten Gesundheitswesen Europas in andere Länder verlegt werden mussten.
Doch Nordmazedonien liegt, bildlich gesprochen, genau in Crans-Montana.
04.01.2026/kut.





